Ein weiterer Verlust

Ein älterer Blogbeitrag aus meinem Leben. Es beschreibt einen Tag im Jahre 2006, vier Jahre nach dem Tod meines Vaters

 

…… ein weiterer kurzer Auszug aus meinem leider nicht mehr erhältlichen Buch  

„Barfuss übers Lavafeld“:

…………

Am folgenden Tag unternahm Renate, meine älteste Schwester, mit Tabletten einen Suizid- Versuch, und mein Sohn kam mit einem Katzenbaby nach Hause, dessen Mutter überfahren wurde. Ich dachte nur: „Einer geht und einer kommt!“

2 Tage lag sie noch im Krankenhaus an den Apparaten, Hirntot, doch die Maschinen durften erst abgestellt werden, als der Giftcocktail heraus war. Ich nahm alles mit seltsamen Abstand war. Natürlich war ich betroffen, doch zu der Zeit wusste ich schon vieles über Spiritualität und das die Seele ihren Weg schon vorher plant um bestimmte Erfahrungen zu machen, wusste, dass sie ganz gehen musste, sie hatte sich für diesen Weg entschieden. Ich stand am Tag darauf an ihrem Krankenbett und schaute sie an. Links stand mein Schwager, rechts meine Mutter und ich fragte mich, für wen das denn wohl nun schlimmer wäre. Ich diskutierte mit den Ärzten, Neurologen und Schwestern, jeder sagte, dass sie zu 99% hirntot sei und nicht selbst atmen könne, aber wie gesagt, die Maschinen könnten erst abgestellt werden, wenn alles an Medikamenten aus ihrem Körper heraus war. Dann würden noch weitere Tests folgen, und wenn es dann bei einer Null Linie im EEG bliebe, dann und erst dann könnte man die Geräte ausstellen. Grübelnd stand ich vor den Maschinen und suchte den Knopf, den man drücken oder den Stecker, den man ziehen müsste, doch Alfons sagte : „Wenn das jemand tut, dann ich, du musst für deine Kinder da sein!“

Ich war wütend, das ganze war menschenunwürdig, niemand hatte Hoffnung, und doch arbeiteten die Organe einwandfrei. Allerdings rechneten die Ärzte damit, dass der Kreislauf sogar von alleine versagen könnte. Doch immer, wenn mein Schwager sprach, stieg ihr Puls an, und ich brauchte Erklärungen. Also rief ich Erika Schmitt an, bei ihr hatte ich vieles gelernt, was für den menschlichen Verstand nicht greifbar war und fragte nach, was denn da eigentlich los sei. Sie nahm Kontakt zu Renates Seele auf und erklärte mir, dass sie nicht mehr in ihren Körper zurück könne, und dass sie nun Angst hätte, doch sie spürte, dass wir bei ihr waren. Ich solle auf meine innere Stimme hören, denn ich wüsste genau was zu tun sei.

Eine Krankenschwester bot an, mit der Seelsorge zu sprechen, beide lehnten erst ab, doch ich bestand darauf. Die Pastorin kam und führte uns in einen kleinen Raum, begann das Gespräch damit das niemand Schuld habe, das es ihr eigener Entschluss war und wir sie nun gehen lassen müssten. Ich sprach zuerst mit ihr, darüber, was in mir vorging, das gab meiner Mutter und auch Alfons Mut. Sie suchten im Anschluss nochmals das Gespräch, es tat einfach gut mit jemanden darüber zu sprechen, den Schmerz heraus zu lassen. Diese Gelegenheit nutzte ich um alleine mit meiner sterbenden Schwester zu sprechen. Dazu hielt ich ihre Hand und schaute immer wieder auf die Monitore, die ihren Herzschlag aufzeichneten und auch die Hirnströme. Als ich Anfing zu reden fiel erst ihr Puls etwas ab, doch als ich erwähnte, das sie ruhig gehen darf, es sogar muß, das sie keine Angst zu haben braucht, das alles gut sein würde, da schoss der Puls nach oben. Es war unglaublich. Ich sah in ihr Gesicht, jedoch keine Regung, ihre Hand lag warm in meinen, kein Druck, kein Flattern zu spüren, aber ihr Puls raste.

Zu dem Zeitpunkt waren meine Schwestern total zerstritten, es ging um das Erbe der gemeinsamen Oma und meine Mutter redete kein Wort mehr mit Doris, mein Schwager Alfons verbot sogar, dass Doris im Krankenzimmer Abschied nehmen durfte, doch dann fragte er mich, warum Renate nicht von alleine gehen würde.

Auf einmal war alles klar, meine Aufgabe bestand darin, dass sich meine Schwestern verabschieden können und darin, den Familienfrieden wieder herzustellen. Meine Mutter, die Erika ja auch kannte, flehte mich an, dass ich Alfons davon überzeugen solle, das Vergebung die höchste Art war, Respekt zu zeigen, vor uns allen und vor meiner sterbenden Schwester.

Ständig war ich am telefonieren, doch Doris war schon mit ihrem Mann Lothar nach Süddeutschland unterwegs. Sie durfte nicht ans Sterbebett unserer Schwester und wäre daran fast zerbrochen. Ihr Mann wollte sie ablenken, deshalb waren sie, als Alfons endlich bereit war, sie zur ihr zu lassen, schon fast 400 km weit weg. Sie würden es nicht rechtzeitig schaffen, um noch rechtzeitig da zu sein, denn der letzte Neurologische Test stand nun unmittelbar bevor. Wir mussten die Intensivstation für etwa eine Stunde verlassen. Zuerst gingen wir im Park spazieren, meine Mutter und ich setzten uns dann in die Cafeteria, beobachten Alfons dabei, wie er vor den Fenstern auf und ab lief, nervös eine Zigarette nach der anderen rauchte und die Minuten vergingen quälend langsam.

Der Anruf der Ärztin kam, der Test sei vorbei und wir könnten zurück auf das Zimmer. Den langen Gang dorthin im Bewusstsein, das wir nun zu meiner Schwester gingen um sie beim Sterben zu begleiten. Meine Mutter wurde auf dem Weg dorthin immer langsamer und unglücklich standen wir vor der Tür der Intensivstation. Niemand mochte auf die Klingel drücken, damit wir eingelassen werden. Keine Ahnung wer letztendlich dann doch den Knopf drückte und als kurze Zeit später der Türsummer ertönte hatte das etwas sehr grausames an sich.

Der Test erbrachte wie erwartet keine Reaktionen und die Ärztin fragte uns, ob wir noch Zeit zum verabschieden brauchten. Alfons wäre beinahe geplatzt, er schrie: „Wir haben uns jetzt 3 Tage verabschieden müssen“. Als dann die Maschinen abgestellt wurden, hielt ich Renates linke Hand, Alfons ihre rechte, meine Mutter stand weinend am Fußende und streichelte über ihre Beine. Ich sprach Gebete und bat die geistige Welt ihr zu helfen.

Es dauerte eine Ewigkeit bis der Herzschlag nachließ und es tat weh, sie dort so liegen zu sehen, ich war so machtlos. plötzlich verstärkte sich ihr Griff um meine Hand, die zusammen mit ihrer auf ihrer Hüfte lag, und sie zog den Arm mit aller Kraft an ihre Brust, zeitgleich drehte sie ihren Kopf in die Richtung ihres Mannes und ich rief nur panisch: „ich bin das nicht, das macht sie, ich bin das nicht!“, und ich suchte verzweifelt den Schalter um das Beatmungsgerät wieder einzuschalten. Meine Mutter und mein Schwager sahen dies mit weit aufgerissenen Augen, doch wir konnten nichts tun. Dann wurde es weniger, der Druck ließ nach und ihr Kopf und der Arm rutschten wieder in die alte Position zurück. Ihre Finger waren auf einmal sehr kalt und ich griff mit der anderen Hand an ihren Arm, und zu prüfen, wie dort die Temperatur war. Ich konnte mit meiner rechten Hand förmlich verfolgen wie die Kälte auf ihrer Haut langsam aber sicher Richtung Oberarm wanderte. Der Monitor zeigte kaum noch einen Puls, und die Ärztin kam rein, um auch dieses Gerät auszuschalten. Sie schrieb die Uhrzeit auf für den Totenschein und bat uns, nun das Zimmer zu verlassen. Wir könnten in ungefähr 30 Minuten wieder kommen, dann wären die Schläuche entfernt und man hätte sie dann aufgebahrt. Ich schaute auf die Uhr, das ganze hatte fast 15 Minuten gedauert, ich war tief erschüttert. Ohne etwas zu sagen, sind wir drei wieder  in den Park gegangen und jeder führte einige Telefonate. Alfons mit seiner Mutter, meine Mutter mit Ellen und Bernd, ich mit meinen Kindern und Erika. Diese sagte mir, dass ich es sehr gut gemacht hätte, aber noch Arbeit auf mich warten würde, damit Renates Seele ins Licht gehen könnte. Wieder funktionierte ich nur, aber diesmal war es etwas anders. Ich wusste, dass ich noch etwas für sie tun konnte, und ich akzeptierte ihre Entscheidung, so aus dem Leben zu gehen.

Die Zeit vor der Beerdigung war noch mal richtig schlimm. Meine Mutter sagte, wenn Doris käme, bliebe sie weg und umgekehrt auch. Mir platzte fast der Kragen, ich knallte ihnen das Buch von Neale Donald Walsh, Ich bin das Licht, die kleine Seele spricht mit Gott, auf den Tisch und zischte, sie sollten das gefälligst lesen und dann entscheiden.

Alles beruhigte sich, und ich saß mit meinen Kindern in der ersten Reihe auf der linken Seite, meine Mutter mit Alfons und seiner Mutter rechts, meine Schwester kam erst später und setzte sich in die hinterste Bank, zusammen mit ihrer Familie. Ich beobachtete, dass sogar mein Nochmann erschien. Ich sah nur aus den Augenwinkeln seine Schuhe und wie er mit 3 gelben Rosen in seinen zitternden Händen am Sarg stand, dachte bei mir: „Siehst du, hier sitzt deine Familie und du gehörst nicht mehr dazu“. Später am offenen Grab gab er mir sogar die Hand und klopfte mir auf die Schulter und sagte: „Es tut mir leid Maus!“, mir fiel der Unterkiefer herunter und zu meiner Mutter sagte er: „Na Schwiegermutter, nun reicht es aber hin, Kopf hoch!“. Ich wunderte mich über gar nichts mehr….

Nach dem anschließenden Kaffee trinken fuhr ich mit den Kindern nach Hause, Topsi musste ja schließlich raus. Auf dem Heimweg kam ich am Laden von Frank und Suse vorbei und davor stand der Wagen von Jörg. Ich schnappte mir meinen Hund und ging mit ihr Richtung Laden. Es war mir ein Bedürfnis ihm zu danken das er trotz allem dabei war. Wir wechselten ein paar Sätze doch dann ignorierte er mich total, streichelte nur den Hund wie verrückt.

In den folgenden Tagen und Wochen  tat ich noch einiges, um Renates Seele den Weg ins Licht zu ebnen. Zu dieser Zeit immer wieder bis tief in die Nacht Nachrichten und Telefonate mit Andreas. Sehr gefühlvoll, sehr intensiv…. Sehr nah……

Ein Kommentar zu “Ein weiterer Verlust

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