Abschied – Teil 2

Es folgt ein weiterer Auszug aus meinem ersten Buch „Barfuß übers Lavafeld“, welches leider nicht mehr im Handel erhältlich ist. Doch auch diesen Auszug hier möchte ich gern mit euch teilen:

Bis Freitag hörte ich nichts von ihm, auch nicht von meiner Tochter, bis auf einen kurzen Anruf, ob ich sie nun zu ihrem Vater abgeschoben hätte, das tat sehr weh, aber ich bleib hart, ich konnte ihren Schmerz verstehen, doch ich wollte mich nicht mehr erpressen lassen. Am Abend sind Andi und ich essen gegangen….. und ich konnte es mir nicht verkneifen einen Zettel mit der Bitte um Rückruf bei meinem geschiedenen in den Postkasten zu stecken…. Andi meinte das bringt nichts, doch am Samstag hatte ich einen Anruf auf meinem Handy…. Mein Ex…. Somit hatte ich nun auch seine neue Handynummer. Ich rief ihn zurück und er fragte mich ob wir uns denn noch nicht eingekriegt hätten. Ich sagte nein und das es auch eine Frechheit sei das er einfach den Unterhalt gekürzt hätte ohne mir vorher bescheid zu geben. Seine Stimme klang so traurig und er fragte mich dann was ich seiner Exfreundin über ihn erzählt hätte..

Ich versuchte es ihm zu erklären, doch in 3 Sätzen am Telefon ging das nicht, also schlug ihm vor das wir uns auf einen Kaffee treffen könnten. Nach kurzem zögern stimmte er zu, komischerweise war meine ganze Wut verraucht und ich  konnte gar nicht schnell genug los, hatte irgendwie Panik und das Bedürfnis alles stehen und liegen zu lassen um zu ihm zu fahren. Von unterwegs rief ich Andi an um ihm das mitzuteilen, er war nicht gerade begeistert aber ich versprach mich zu melden wenn ich da wieder raus sei.

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Dann stand ich vor Jörgs Tür, er öffnete mit den Worten: „Meinst du nicht ich habe andere Probleme?“. Ich war erschüttert wie er aussah…. Er war immer ein schlanker Mann, aber heute war er ausgemergelt, tiefe Schatten unter seinen Augen, rot geweinte Augen…. Er sah so elend aus….

Er bot mir etwas zu trinken an, er hatte aber nur einen Rest Wasser und ich sagte egal ich trinke auch Wasser aus der Leitung…. Und dann redeten wir….über seine Anja ich versuchte ihm zu erklären was in ihr vorgegangen sei bei der Trennung und er weinte und am liebsten hätte ich mit geweint, ich versuchte ihm Mut zu machen und versprach ihm dafür zu sorgen das es zwischen beiden eine Aussprache geben würde, da ich ja nach wie vor mit ihr in Kontakt stand über das Internet. Er zitterte am ganzen Körper, die Tränen liefen und er sagte zu mir. Das hört sich jetzt bestimmt blöd für dich an, wir waren schließlich 25 Jahre zusammen und haben 3 Kinder, aber diese Frau ist die Liebe meines Lebens, ich habe noch nie jemanden so geliebt wie sie…. Mir schnürte es das Herz und die Kehle zu, ich spürte wie sehr er litt und versprach noch mal alles dafür zu tun das sie sich aussprechen können, was sie daraus machen würden, wäre dann ihre Sache. Er meinte dann noch das ich wenigstens glücklich werden sollte….. und dann bat er mich zu gehen….. er stand auf und wollte mich zur Tür begleiten, dann viel ihm auf das wir noch nicht über unsere Tochter gesprochen hatten… ich fing kurz an und merkte aber das er dafür gar nicht den Kopf frei hatte. Ich sagte ihm dann noch: „Jörg hör mal wir waren 25 Jahre zusammen. Egal was war, lass uns endlich einen Schlussstrich ziehen und nach vorne schauen, wir müssen ja nicht die besten Freunde werden, aber einen normalen Kontakt sollten wir schon wegen der Kinder pflegen!“. Ich legte ihm eine Hand auf die Schulter und wäre am liebsten zurückgezuckt, nur Haut und Knochen…..Mitleid regte sich in mir und mit Tränen in den Augen sagte ich zu ihm, komm lass dich einfach mal in den Arm nehmen, er weinte wieder, legte kurz seinen Kopf an meine Schulter und stieß mich dann abrupt zurück…. Ich solle mir keine Sorgen machen, er spricht mit Laura und alles wird gut. An der Tür stand er da wie ein Häufchen Elend und sagte: „Ich kann nicht mehr!“….. Ich gab ihm die Hand und sagte er solle sich ausruhen und einige Tage abwarten, ich melde mich sobald ich was von Anja höre und dann ging ich…. Im Flur hatte ich das starke Gefühl mich noch mal umzudrehen, doch so sehr ich es auch wollte, es ging nicht…… Im Auto rief ich Andi an…. Ich kämpfte mit den Tränen, sagte irgendwas sei anders und es hat mich wahnsinnig viel Kraft gekostet. In mir war eine tiefe tiefe Traurigkeit….

Kurz darauf hatte ich die Eingebung einen gemeinsamen Freund – Frank – anzurufen, ich berichtet ihm wie geschockt und entsetzt ich sei und er versprach mir das wir am Nachmittag darüber reden würden…. Was wir auch taten. Wir machten uns Sorgen und er sagte, das er versuchen würde Kontakt aufzunehmen. Ich spürte wie viel Kraft mich dieser Tag kostete und ich verspürte das Bedürfnis Jörg eine SMS zu schreiben mit der Bitte das ich doch seine Handynummer an die Kinder weiter reichen dürfte und das er Ruhe bewahren soll. Es kam keine Antwort. Ich war sehr unruhig, sprach mit Andi darüber, das ich das Gefühl hätte, das heute irgendetwas anders gewesen sei und wie sehr mich diese Begegnung in meinen Grundfesten erschüttert hatte. Schließlich waren wir 25 Jahre zusammen und nicht alles war schlecht. Ich verstand ja heute sogar, warum er so war. Er muss damals auch sehr gelitten haben, ein Leben gelebt haben, das er eigentlich so nicht wollte….

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Mir war für den Rest des Tages nur noch kalt, das ging den ganzen Abend so, trotz dicker Klamotten und Decke fror ich innerlich….. am nächsten Tag wusste ich auch warum….. gegen Mittag rief Julia, meine älteste Tochter an, sie weinte und schrie das sich ihr Papa aufgehängt hätte…… ich war entsetzt!!! Hätte ich DAS merken müssen? Hatte ich etwas gesagt was ihn dazu veranlasst hat?? Meine Gedanken kreisten….. dazu die Angst, wenn seine Familie von meinem Besuch erfuhr, dass sie mich beschuldigen würden. Es zog mir förmlich die Beine weg. Ich saß mitten im Flur und versuchte zu verstehen, was geschehen ist. Es war unfassbar. In mir krampfte sich alles zusammen, das habe ich nicht gewollt, habe ich wieder mal versagt? War ich schuld? Und ausgerechnet heute wollten wir uns wieder eine Wohnung ansehen. Andi wollte absagen, doch ich wusste, das ändert ja nichts. Ich versuchte mich zu beherrschen, redete mir ein das ich ja im Grunde kein Recht hätte zu trauern und schluckte die Tränen runter. Meine Mutter rief an und meinte ich solle nach Hause kommen, ich war am überlegen, fühlte mich unfähig doch die Kinder brauchten mich.
Als wir von der Wohnungsbesichtigung kamen saßen wir noch im Auto und Andi redete auf mich ein, ich solle mir keine Vorwürfe machen, es würde sich unterm Strich nicht viel für mich ändern, denn die Kinder erzog ich ja die letzten Jahre sowieso fast alleine und ja, auch er wäre traurig, wenn seiner Expartnerin etwas zustoßen würde. Da war sie wieder…. Die Gundula, doch ich schob es weg, ich stand eh wie unter Schock.

An dem Abend fuhr ich also heim zu meinen jüngeren Kindern, erstmals auch wieder Kontakt zu Laura, ihr Vater hatte sie natürlich nicht mehr angerufen und seine Eltern wussten bereits von ihm selbst das ich bei ihm war. An seinem letzten Tag, in der Zwischenzeit wo wir sprachen und bis ich bei ihm war, telefonierte er mit seiner Mutter, sagte ihr Mama hilf mir, doch sein Vater wollte wohl erst am kommenden Tag zu ihm fahren.

Wie verzweifelt er gewesen sein musste stellte sich erst nach und nach heraus.

Ich traf Laura auf dem Markt, sie stand dort mit ihren Freunden, ich hielt an und sie stieg in mein Auto, die Begrüßung war reserviert, sie sah schlecht aus, dicke Augenränder doch sie wollte nach außen hin tapfer wirken. Gemeinsam fuhren wir zu meiner Mutter und redeten. Ich berichtete vom gestrigen Tag und der Unterhaltung die Jörg und ich führten. Laura wollte wieder zu ihren Freunden und die Nacht bei ihrem Freund Andre verbringen. Ich willigte ein, denn dort war sie sicher im Augenblick besser aufgehoben als zu Hause.

Ich brachte sie wieder zum Treffpunkt und wir verblieben so, das wir am anderen Tag telefonieren würden. Ich fuhr ins Haus um nach Maik zu sehen, er war die Nacht zuvor zum Nachtangeln und lag auf seinem Bett und schlief tief und fest. Ich strich ihm mehrfach über die Haare, doch er regte sich nicht, auch er war sehr blass und sah so unendlich traurig aus. Ich fragte mich innerlich: „ Jörg, was hast du da getan?“, doch ich bekam keine Antwort.

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Die Fahrt zurück nach Braunschweig geschah irgendwie automatisch, ich weiß nicht, wie es mir gelang das Auto zielsicher und ohne Schwierigkeiten bis zum Parkplatz vor Andis Haus zu lenken. Im nach hinein kann ich mich an diese Fahrt nicht mehr erinnern. Ich war wie ferngesteuert und froh, endlich wieder bei ihm zu sein. Eine bleierne Müdigkeit überkam mich und wir gingen dann bald ins Bett. Andi hielt mich tröstend fest und ich fühlte mich ironischerweise an unsere erste gemeinsame Nacht erinnert. Meine Gedanken schweiften ab, erinnerten sich an die damaligen Gedanken die ich hatte und dann wieder zurück zum gestrigen Tag. Immer und immer wieder ging ich von Anfang bis Ende das Gespräch mit Jörg durch, suchte nach dem Punkt, der die Wende hätte bedeuten können, wo hätte ich ihn retten können, wo war der Punkt, der sein Fass zum überlaufen brachte. Ich fand keine Antworten, ich fühlte mich so leer und traurig, ich dachte sogar ganz kurz daran, das er es wieder geschafft hätte, das ich mein Leben ändern müsste und darüber erschrak ich sehr. Ich schlug die Augen auf und war nicht sehr überrascht im Türrahmen seine Gestalt zu sehen. Er war wie in einem Nebel, oder ein Hologramm, aber er war da. Wir schauten uns an und seine Augen waren nicht mehr ganz so traurig wie am Vortag. Ich wusste das er erst jetzt begriff, was er sich und den Kindern und auch seiner Familie angetan hatte, doch es gab für ihn keinen Weg zurück. Ich hatte die Worte „Verzeig mir“ im Kopf und ich nickte nur ganz kurz und er verschwand. Endlich konnte ich dann einschlafen.

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Gegen Mittag betrat ich dann also mit meinem Sohn und meiner jüngsten Tochter wieder seine Wohnung. Maik hatte die Schlüssel von der Kripo bekommen und es mussten ja einige Unterlagen geholt werden. Laura betrat zum ersten mal diese Wohnung ihres Vaters….und an der Stelle wo er sich das Leben nahm lagen noch die Handschuhe, seine Klamotten und das Lederband an dem er sich erhängt hatte. Mein Wasserglas stand noch auf dem Tisch im Wohnzimmer…… alles schien irgendwie unverändert…. Und unfassbar……gespenstisch.

Laura wollte alles genau wissen, fragte wo er gesessen hätte und wo ich war, wollte sehen wo er geschlafen hatte, schaute in den Kühlschrank, im Schlafzimmer öffnete sie eine rote Box, darin waren Liebesbriefe und Bilder von der Anja. Das Bett war nicht gemacht, ein langer Schlafanzug lag darin und noch eine rote Decke, scheinbar hatte er sehr gefroren, obwohl die Wohnung warm war, doch so ausgemergelt wie er am Ende war hatte er ja auch nichts mehr zuzusetzen.

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Dienstag sind die Kinder gemeinsam mit ihren Großeltern zum Bestatter gefahren um alles zu klären, die Hauptlast lag dabei auf meinem 19jährigen Sohn, er meisterte alles mit Bravur… ich riet ihm vorher noch, sich immer mit den Großeltern abzusprechen, bevor etwas festgelegt werden sollte. Ich musste am Mittwoch das Scheidungsurteil dort hin bringen und in mir wuchs der Wunsch, das ich ihn mir auch noch mal ansehen konnte, haderte aber mit mir, ob ich überhaupt ein Recht dazu hätte und fragte mich, was Jörg wohl dazu gesagt hätte. Doch seine Leiche war bereits weg gebracht worden. Die Frau vom Bestattungsunternehmen erzählte mir, das die Kinder am Vortag mit der Oma zusammen den Papa angeschaut haben, sich aber nicht direkt an den Sarg getraut hätten, erst als dann die Oma raus war, fing mein Junge ganz heftig zu weinen an. Sie meinte das sie in der Tür stand und bei dem Anblick der beiden Geschwister, die sich  gegenseitig fest hielten, selbst mit den Tränen kämpfen musste.. Als ich ihr sagte, das Laura ihren Vater auch noch mal gern aus der Nähe anschauen würde,, meinte sie das sei kein Problem, sie würden ihn noch mal holen, da es wichtig sei, gerade für Kinder und auch in diesem speziellen Fall, richtig Abschied zu nehmen.

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Laura hatte mir erklärt, das sie gern dicht an den Sarg gegangen wäre um zu sehen, das dort wirklich ihr Papa drinnen lag, aber da ihr Bruder so heftig weinte und sie sich Sorgen machte das er zusammen brechen könnte, blieb sie an jenem Tag eng umschlungen hinter den Bänken mit ihm stehen.

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So bin ich mit ihr noch mal am Donnerstag dort hin gefahren. Laura war sehr aufgeregt, sie hatte ihrer Oma nichts davon gesagt, dachte, das diese mit ihr schimpfen würde, hatte ein schlechtes Gewissen, jedoch hab ich ihr während der Fahrt klar gemacht, das sie jedes Recht der Welt hat sich noch mal richtig von ihrem Papa zu verabschieden.

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Mit sehr gemischten Gefühlen kamen wir dort an und wurden sehr herzlich dort empfangen. Einen kleinen Moment mussten wir noch warten, da der Aufbahrungsraum noch vorbereitet werden musste. Dann durften wir hinein und die Frau nahm Laura fest in ihre Arme, erklärte ihr, das sie ihren Papa ruhig auch berühren dürfte und ermahnte sie, das sie auf einer dort stehenden Bank Platz nehmen solle, falls die wackelige Beine bekäme. Wir dürften uns alle Zeit der Welt nehmen und dann ließ sie uns allein. Als sie ging hatte sie Tränen in den Augen.

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Wir gingen an den aufgestellten Bänken langsam nach vorn, mit einer seltsamen Aufmerksamkeit registrierte ich jedes noch so kleine Detail. Die dunkelbraunen Holzbänke erinnerten an eine Kirche, in 2 vierer Reihen waren sie aufgestellt. An der Wand hing ein großes Kreuz und die betenden Hände von Dürrer. Das Fenster war abgedunkelt, unzählige weiße Kerzen in jeder Größe brannten und zauberten so ein weiches Licht. Ganz leise spielte im Hintergrund Musik, Engelfiguren waren verteilt, Blumen standen dort und in all dem stand nun der Sarg, indem ihr Papa lag, der Mann, mit dem ich 25 Jahre meines Lebens zusammen gewesen war.

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Langsam gingen wir auf ihn zu, ich hielt Laura fest im Arm und sie zitterte am ganzen Körper… da lag er, so schmal, klein und zerbrechlich im Sarg….. er sah aus als schliefe er, und doch sah sein Gesicht sehr krank aus. Das Kerzenlicht tauchte ihn in ein gnädiges Licht und so begannen wir mit dem Abschied nehmen.

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„Das ist ja wirklich Papa!“, sagte Laura, mir schnürte es das Herz zu. Uns beiden liefen die Tränen und meine Gedanken überschlugen sich wieder einmal komplett. Da stand unsere Tochter, das Papakind, 17 Jahre alt und doch noch so klein, so schutzbedürftig, ich dachte daran wie es war als ich von meinem Vater Abschied nehmen musste, doch hatte ich ihn um Jahre länger bei mir, auf sie und ihre Geschwister kommen ja nun  Erfahrungen im Leben zu, an denen er nicht mehr teilhaben kann und dann wird ihnen die Lücke, die er mit seinem Tod hinterlassen hat, immer und immer wieder bewusst werden. Ich versuchte zu erspüren, ob ich ihn energetisch wahrnehmen könnte, doch da war nichts außer Schmerz.

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Sie sagte: „Mama, Papa sieht aus als ob er schläft, so wie immer, man sieht ja gar nichts…“, sie meinte seinen Hals, ich hatte auch schon nach Spuren daran geschaut, doch es war nichts offensichtliches zu erkennen. Sie war erschreckt darüber, dass sich seine gefalteten Hände schon blau verfärbt hatten und fragte mich wie es sich denn anfühlen würde wenn sie ihn dort anfassen würde. Wir setzten uns gemeinsam auf die erste Bank und ich versuchte ihr zu erklären wie es ist, hatte ich doch meinem Vater damals an der Stirn berührt. Ich nahm sogar die Bank auf der wir saßen als Vergleich, nahm ihre Hand, legte sie auf die Sitzkissen und erklärte ihr, sie solle sich vorstellen, so fühlt sich ein Mensch an der im Leben steht, dann hob ich das Kissen an, legte ihre Hand auf die harte, kalte Bank und sagte das wäre in etwas so, wie sich jemand anfühlt, der nicht mehr im Leben steht.

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Doch Laura wollte es genau wissen, ich sollte es vormachen, sie würde sich sonst nicht trauen und in mir tobte ein Kampf. Sollte ich es tun, ihn anfassen? In meinem Kopf blitzten Bilder auf, von unserem letzten Treffen, als ich ihn in den Arm nehmen wollte und so entsetzt war, das da nur noch Haut und Knochen zu fühlen waren, Berührungen, die wir tauschten, lange bevor wir uns getrennt hatten und ich wusste ganz genau wie er sich damals anfühlte und ich fragte mich, ob es ihm denn überhaupt recht wäre, wenn ich es jetzt täte. Laura sah mich erwartungsvoll an, mit Tränen in den Augen, also stand ich auf, beugte mich etwas über den Sarg, sah ihn an. Es war, als ob ich mir selbst noch Mut machen müsste. Ich sah ihn an, klein und verletzlich, schmal und irgendwie ausgemergelt lag er da nun vor mir und ich legte meine rechte Hand auf seine Brust. Ich wusste ja schon, dass es sich in jedem Fall anders anfühlen würde, als wenn man einen lebenden Menschen anfasst und doch war es für mich wie ein Schock. Emotionen kamen in mir hoch, ich war wütend auf ihn. Wütend, das er sich so davon gemacht und sich scheinbar keine Gedanken um seine Kinder gemacht hatte. „Du Idiot!“, schrie ich ihn an, selbst überrascht vom Klang meiner Stimme, „egal was du für Probleme hattest, wir hätten dafür eine Lösung finden können!“, und Laura, die wohl etwas entsetzt war, erwiderte: „Mama, nicht, du hast ihn doch auch mal geliebt!“. „Ja, das habe ich und er wird immer irgendwie ein Teil von meinem Leben bleiben!“. Das spürte ich in diesem Moment sehr deutlich. „Mama, Papa sah doch gut aus, oder?“, „Ja, Laura, er war ein schöner Mann“, „sonst hättest du ihn nicht geheiratet!“, „nein, hätte ich nicht!“.

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Meine Kleine entschloss dann für sich, das sie ihn nicht mehr berühren wollte, wir blieben noch etwas dort und als wir langsam zum Abschluss kamen und uns dem Ausgang zuwendeten, drehte sie sich noch mal um, schaute auf ihn und flüsterte: „Jetzt sehe ich meinen Papa das allerletzte mal in meinem Leben!“, und ihr liefen wieder die Tränen. Ich unterdrückte meinen Impuls, mich selbst noch mal umzudrehen, denn ich konnte mich haargenau an das Gefühl erinnern, das ich damals bei meinem Papa hatte: Ich wollte die letzte aus der Familie sein, die ihn hier auf Erden sah. Dann gingen wir und durften uns noch mit der Frau vom Bestattungsunternehmen ins Büro setzen. Wir sprachen noch einige Worte und konnten dann irgendwie befreiter wieder die Heimreise antreten.

Diese Buch „Barfuss übers Lavafeld“ schrieb ich mir sozusagen von der Seele, mein Abschied von meinem Papa, meiner Schwester, meinem Exmann, meinem alten Leben und vielen anderen Dingen. Nichts bleibt wie es war, alles ändert sich! DAS ist die einzige Konstante im Universum……

Herzlichst, Sabine

Abschied – erster Buchauszug

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